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Neue Devices und ihr Potenzial

Heller Flur Querformat

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Winzig klein und riesengroß

Mit der Watch am Flughafen einchecken. Auf dem Weg zum Gate zeigen Installationen stylische Accessoires, die sowohl zum Outfit als auch zum Wetter am Ankunftsort passen und sich per Fingertipp ordern lassen. Nach der Landung die Ware in Empfang nehmen, dem eigenen Pulsschlag und Blutdruck entsprechend Tipps zur Überwindung des Jetlags bekommen, mit der Watch ein Uber-Fahrzeug rufen: Willkommen in der schönen, neuen Welt, in der winzige und überdimensional große Displays eine wichtige Rolle spielen.

Wearables: Die Revolution am Handgelenk

So nah wie die Wearables ist uns bisher kein Computer gekommen. Als Watches oder Fitnessarmbänder tragen wir sie am Handgelenk, in Textilien integriert sollen sie als Smart Clothes künftig Kleidung intelligent machen. Shirts messen Herzschlag- und Atemfrequenz, Jacken stellen im Winter auf eine bessere Wärmedämmung um.
Wearables sind die Zukunft – doch nicht alle Konzepte setzen sich durch. Die Datenbrille Google Glass, die Informationen auf den Gläsern angezeigt hat, wurde zwar oft vorbestellt, konnte sich dann jedoch auf dem Markt nicht behaupten.

Aktuell sind es Watches, die das größte Potenzial bieten – auf kleinstem Raum. Die Herausforderung liegt jedoch nicht in der Begrenztheit des Displays, sondern darin, einen echten Mehrwert für den Träger zu bieten – und damit vom technischen Gimmick zum unverzichtbaren Bestandteil des Lebens zu werden.

Unternehmen müssen deshalb über Marketingzwecke hinausdenken und den Fokus auf Produktentwicklung und Servicedesign legen. Schließlich geht es nicht darum, den Kunden mit einer Fülle an Angeboten zu beeindrucken, sondern seine konkreten Bedürfnisse mit einem treffsicheren Mehrwert zu erfüllen. Folgende drei Fragen sind der Schlüssel für eine erfolgreiche Produktentwicklung: Was bietet ein Unternehmen an Services, die unterwegs besonders wertstiftend sind? Wie kann es diese so akzentuieren, dass sie einfach und in Einzelschritten vom Kunden genutzt werden können? Und wie kann es davon im Bereich Kunden- und Markenbindung profitieren und zusätzlichen Umsatz erwirtschaften?

In drei Branchen gelingt dies bereits: Payment, Fitness und Gesundheit sowie Mobilität.

Schon heute gibt es gelungene Beispiele der nahtlosen Verzahnung. In den USA bieten erste Banken Payment mit der SmartWatch an. Der Gewinn für den Kunden ist offensichtlich: Bequemlichkeit. Automatisch authentifiziert können Artikel ohne lästiges Kramen in der Geldbörse einfach durch Auflegen der Uhr bezahlt werden. Direkt im Nachgang wird der aktuelle Kontostand angezeigt – ein klarer Zusatznutzen. Noch sind diese Dienstleistungen nicht flächendeckend verfügbar. Doch wenn die Kunden das System akzeptieren, werden Investitionen in den Sektor schnell vollzogen sein.

Fitness ist ein weiteres Segment, in dem Wearables bereits eine große Rolle spielen. Was mit Fitness-Armbändern als Schrittzählern begann, hat sich in den Industrienationen zu einem regelrechten Kult entwickelt. Der Motor dieser Entwicklung sind auch hier die immer smarter werdenden Watches. Von Schlafüberwachung bis Navigation beim Joggen bieten sie immer mehr Funktionen an. Und das in kleiner Form, nah am Körper und somit ohne das lästige Gewicht und Pendeln beispielsweise eines Telefons. Wer mit einer App hier punkten möchte, sollte eine klare Vorstellung davon haben, wie das eigene Produkt den Kunden dabei hilft, ihre Fitness zu optimieren.

Nicht nur im Fitness-, auch im medizinischen Bereich bringen Wearables großen Nutzen. Sie können sowohl die Prävention unterstützen als auch Menschen mit chronischen Krankheiten helfen und deren Lebensqualität erhöhen. Selbstklebende Sensoren können zum Beispiel den Herzschlag erfassen und so lebensbedrohliche Probleme wie Herzinfarkte frühzeitig erkennen, über eine Analyse des Atemrhythmus’ per Wearable können Erkrankungen der Atemwege besser diagnostiziert werden. “Our strategy is to help you in every part of your life that we can help you“, kündigte Apple-CEO Tim Cook kürzlich in einem Interview mit The Fast Company an. „We’re making inroads into your health, which is an area where many, many people want some improvements.” Diese Aussage ist ein klares Indiz, dass Apple großes Wachstumspotenzial in diesem Markt sieht.

Das Wesen einer Watch ist mobil, so wie ihr Träger. Da ist es nur logisch, dass auch im Sektor Mobilität die Zahl der Angebote stetig wächst. Die Dienste unterschiedlichster Hersteller reichen von der umfassenden Fernbedienung des eigenen Fahrzeugs bis zum Anfordern einer Mitfahrgelegenheit, von der Navigation zu einem freien Parkplatz bis zur automatischen Steuerung der Hausbeleuchtung beim Einfahren in die eigene Garage. Experten gehen davon aus, dass durch die Konsolidierung der Basistechnologien, die im Hintergrund laufen, in den nächsten Jahren immer mehr Anbieter auf den Markt drängen. Deshalb empfiehlt es sich bei der Entwicklung des eigenen Smart-Watch-Services, auf eine zukunftsfreundliche Architektur zu setzen. Eine Kooperation mit Branchengrößen kann dabei durchaus eine lukrative Alternative zur kompletten Eigenentwicklung darstellen.

Die drei Bereiche Payment, Fitness und Mobilität zeigen deutlich die Vorteile von Wearables für die Nutzer. Unternehmen profitieren von einer Stärkung der Marke durch erhöhte Kundenzufriedenheit. Derzeit besteht für die meisten Services jedoch noch eine Hürde: Um die Anwendung zu nutzen, ist die Kopplung an ein Smartphone notwendig. Firmen müssen deshalb genau überlegen, wie sie die App sinnvoll in ihr Ökosystem einbetten – und welche Funktionen der Watch, welche dem Phone übertragen werden.

Große Displays: Mehrwert in Übergröße

Die One-way-Kommunikation der Litfaßsäule reicht nicht mehr aus – erst Interaktion bringt Aufmerksamkeit. Große, interaktive Installationen gehören in den Metropolen schon fast zum guten Ton und verhalten sich diametral zu den kleinen, funktionsorientierten Displays der Smart Watch. Beide haben jedoch eine gemeinsame Basis: Je größer der Mehrwert für den Endkunden, desto größer der Erfolg für die Marke.

Der Kampf um Aufmerksamkeit in übersättigten Großstädten bringt die Kreativität in der Digitalisierung der Fensterflächen mit sich. Der Handel setzt bereits große Displays ein und begeistert Konsumenten durch digitale Mehrwerte. Dabei gelten Individualität und Ausrichtung auf dem Kunden als Erfolgskriterien.

Wo früher kombinierte Outfits in Mainstreamfarben das Aushängeschild eines Mode-Retailers waren, erfassen heute Roboter automatisch die Geschwindigkeit des vorbeilaufenden Passanten und passen die Farbe der auf dem sich mitdrehenden Screen präsentierten Kleidungsstücke automatisch an dessen Styling an. Je persönlicher der Händler den potenziellen Kunden erreicht, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er auch in den Store kommt.

Nicht nur Retailer, sondern auch Hersteller großer Konsum- und Industriegüter entdecken den Nutzen solcher Installationen für sich. Wenn in Stadtlagen nur wenig Raum für eine 1:1-Präsentation der Produkte bleibt, eröffnen In-Store-Display oder Virtual-Reality-Darstellungen neue Möglichkeiten. Farb- und Ausstattungsvarianten sind so genauso vermittelbar wie technische Animationen unter der Außenhaut.

Manche Unternehmen gehen bereits einen Schritt weiter. Es gibt mittlerweile Displays oder Stehlen an Flughäfen und Bahnhöfen, die per Kamera und Gesichtserkennung die Anzahl der Zuschauer, deren Geschlecht, Alter und Gemütszustand erkennen und auf Grund dieser Information Werbebotschaften zielgerichtet ausspielen. Das steigert die Relevanz für die Kunden und optimiert den Absatz für die Händler. Echtzeitdaten zu nutzen, bringt ganz neue, noch nie dagewesene Möglichkeiten. Denn in Kombination mit zum Beispiel NFC Beacons könnten diese Displays auch personalisiert bespielt werden. Indem der Weg eines Besuchers erfasst wird, können die Botschaften auf den Installationen aufeinander aufbauend eine Story erzählen und auf Erlebnisse anspielen. So könnte ein Gastronomiebetrieb hinter der Sicherheitskontrolle auf die Länge der Warteschlange Bezug nehmen und mit dem Text „Das Warten hat sich gelohnt“ seine Patisserie bewerben.

Ob überdimensionales Display oder Smartwatch: Im Gegenzug für ihre Aufmerksamkeit fordern Kunden im Zuge der Digitalisierung echte Mehrwerte. Eine Marke, die diese liefert und den Alltag der Kunden kreativ bereichert, entzündet nicht nur kurzfristige Begeisterung, sondern kann langfristig richtig punkten. Die Größe des Screens spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Markus Lucht

Über den Autor

Markus Lucht
Managing Partner

Markus Lucht ist Managing Partner bei UDG United Digital Group und verantwortet den Bereich User Experience. Der 42-Jährige ist als ehemaliger Geschäftsführer einer der Gründungsagenturen (BB&K) seit dem Start der Agentur an Bord.